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"Du musst einfach an dich glauben!" - Warum positive Affirmationen oft mehr schaden als nützen

"Du musst einfach an dich glauben!" - Warum positive Affirmationen oft mehr schaden als nützen

Dies aus gutem Grund, denn auch die Forschung zeigt, dass es hilfreich ist, optimistisch in die Welt zu blicken. Menschen, die sich selbst mögen, sich etwas zutrauen, Schwierigkeiten als Herausforderungen sehen und sich von Misserfolgen weniger entmutigen lassen, fühlen sich allgemein wohler und erreichen oft auch mehr – und das sogar müheloser.

Doch wie können wir einem Kind eine positivere Sichtweise vermitteln?

Die Lösung scheint denkbar einfach: Das Kind muss einfach lernen, positiv zu denken!

Überall sieht man sie: Hübsch gestaltete Kärtchen mit positiven Affirmationen. „Ich bin liebenswert!“, „Ich kann das!“, „Ich bin klug!“ steht darauf. Das Versprechen lautet: Lies die Kärtchen immer wieder durch oder sage sie dir mantra-artig auf und dein Selbstvertrauen beziehungsweise Selbstwertgefühl wird täglich wachsen.

Aber funktioniert das überhaupt?

Joanne Wood und ihr Team an der Universität Waterloo (2009) wollten es genauer wissen. Sie untersuchten, wie es sich auf die Stimmung und das Selbstbild auswirkt, wenn Menschen positive Affirmationen nutzen. Die Versuchspersonen füllten zuerst einen Fragebogen aus, mit dem ihr Selbstwertgefühl gemessen wurde. Dann lasen sie Affirmationen wie «ich bin liebenswert». Das Forschungsteam kam zu einem spannenden Resultat: Einige Versuchspersonen spürten tatsächlich einen positiven Effekt. Das Lesen der Affirmationen führte bei ihnen zu einer besseren Stimmung, was allerdings nur kurzfristig anhielt.

Das Problem: Diese positive Wirkung zeigte sich nur bei Versuchspersonen, die bereits ein hohes Selbstbewusstsein mitbrachten.

Merle spielt Geige

Bei den Versuchspersonen, die an sich zweifelten, hatten die positiven Affirmationen die gegenteilige Wirkung! Ihre Stimmung und die Gefühle, die sie in Bezug auf sich selbst hatten, verschlechterten sich!

Eine Untersuchung von Renee Engeln und Megan Imundo (2020) kam zu einem ähnlichen Ergebnis. In dieser Studie wurden jungen Frauen gebeten, die Affirmation «ich liebe meinen Körper» in Gedanken mehrmals zu wiederholen, während sie einen Text schrieben. Die Affirmation führte dazu, dass die Frauen deutlich häufiger an Dinge denken mussten, die sie an ihrem Körper stören.

Obwohl die Wirkung von Affirmationen noch nicht besonders gut untersucht ist, zeigt sich in der Tendenz das folgende Bild:

Positive Bekräftigungen wie «ich schaffe das!» scheinen vor allem dann die gewünschten Effekte zu haben, wenn jemand bereits im Vorfeld eher optimistisch ist und über eine hohe Selbstwirksamkeit verfügt.

Es gibt aber Hinweise darauf, dass sie Menschen mit Selbstzweifeln zusätzlich verunsichern. Fast verzweifelt suggerieren sie sich «ich kann alles erreichen!» oder „ich bin liebenswert», und geraten dabei in einen inneren Konflikt: Die Aussage passt nicht zu ihrem Selbstbild, es fühlt sich an, als würden sie sich selbst belügen, was ihr Stresslevel erhöht.

Gleichzeitig führt das häufige Aufsagen der Affirmationen dazu, mehr über den entsprechenden Bereich nachzudenken. Wer sich immer wieder sagt „Ich liebe meinen Körper“, beschäftigt sich in der Folge zunehmend mit dem eigenen Aussehen. Wenn wir damit unzufrieden sind, werden wir fast automatisch auch an viele Aspekte denken, die uns daran stören.  

Vielleicht hast du Lust auf einen Selbstversuch? Lies die folgenden Affirmationen und beobachte, was bei dir innerlich passiert:

  • Ich bin fast jeder Herausforderung gewachsen!
  • Ich bin liebenswert.
  • Ich wirke sehr attraktiv auf das andere Geschlecht.

Wie sehr hättest du diesen Aussagen im Vorfeld bereits zugestimmt? Und wie fühlt es sich an, die jeweilige Affirmation zu lesen?

Wahrscheinlich merkst du: Je eher du die Aussage innerlich bejahen könntest, desto positiver die Wirkung. Du liest die Affirmation, fühlst dich bestätigt und bist vielleicht einen Moment dankbar dafür, dass es so ist.

Was aber, wenn du dich selbst anders wahrnimmst? Dann wird dir die Aussage höchstwahrscheinlich nicht dazu verhelfen, deine Sichtweise zu verändern – auch dann nicht, wenn du sie jeden Morgen fünfmal durchliest. Vielmehr wirst du inneren Widerstand spüren und dir werden Beispiele und Erfahrungen einfallen, die dagegensprechen.

Manche Befürworter/innen positiver Affirmationen gehen davon aus, dass alles nur eine Frage der Zeit sei: Sofern man die positiven Gedanken immer wieder übe, würden die Zweifel mit der Zeit verschwinden und die Affirmationen ins Unbewusste einsickern. Leider konnten wir keine Studie finden, die diese Annahme bestätigt.

Doch wie können wir nun vorgehen, wenn wir Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen helfen möchten, ein positiveres Selbstkonzept zu entwickeln?

Wirksame Alternativen zu positiven Affirmationen

Zum Glück gibt es auch sehr viele inzwischen gut untersuchte Methoden, um Glaubenssätze und innere Überzeugungen zu verändern.

Dabei wollen wir negativen Gedanken nicht einfach durch positive ersetzen. Vielmehr geht es darum, dass Kinder und Jugendliche erfahren dürfen:

  1. Ich bin mit meinen Gedanken nicht allein – auch andere Menschen plagen Selbstzweifel. Ich darf mich öffnen und über meine Sorgen sprechen, ohne dass mir andere gleich widersprechen oder mir sagen, dass ich nicht so denken darf.
  2. Ich bin nicht meine Gedanken und muss nicht alles glauben, was mir durch den Kopf geht.
  3. Ich darf in Ruhe über meine Glaubenssätze nachdenken. Vielleicht hilft mir jemand geduldig dabei, meine Sichtweise zu überprüfen: „Tut mir dieser Gedanke gut?“, „Hilft er mir, meine Ziele zu erreichen?“, „Ist diese Aussage überhaupt wahr?“
  4. Wenn ich mit meinen bisherigen Sichtweisen nicht einverstanden bin, kann ich diese verändern: Durch neue Einsichten und neue Erfahrungen.

Das Ziel besteht nicht in blauäugigem positivem Denken, sondern in konstruktiven Gedanken, die wahr und stimmig sind.

Wie ist das gemeint? Der Gedanke „ich schaffe das nicht!“ ist in den meisten Fällen nicht wahr. Der Gedanke „ich schaffe das!“ aber genauso wenig. Wir können schließlich nicht in die Zukunft schauen und uns sicher sein, dass wir eine Prüfung bestehen, einen Wettkampf gewinnen oder ein Problem lösen können.

Ein Gedanke, der konstruktiv und wahr ist, könnte beispielsweise folgendermaßen lauten: „Ich weiß nicht, ob ich die Prüfung bestehe – aber wenn ich jetzt anfange zu lernen, verbessere ich meine Chancen. Also los!“ vielleicht begleitet von einem Gedanken wie: „Es gibt immer eine zweite Chance. Falls ich es dieses Mal nicht schaffe, werde ich ein bisschen enttäuscht sein. Meine Eltern wären für mich da und würden mich trösten.“

Mit Coping-Modellen zu neuen Sichtweisen

Wenn wir Kindern neue Denkweisen nahebringen möchten, sind Modelle extrem hilfreich.

Dabei sollten wir nicht auf Vorbilder setzen, denen alles mit Leichtigkeit gelingt, sondern auf sogenannte Coping-Modelle: Menschen, die mit ähnlichen Schwierigkeiten kämpfen und uns zeigen, wie man Hürden überwinden kann. Oder Personen, die in der Vergangenheit vor ähnlichen Herausforderungen standen, wissen, wie wir uns fühlen, und einen Weg gefunden haben, mit der Schwierigkeit umzugehen.

Wie geht der Lieblingssportler des Kindes mit Niederlagen um? Wie hat es die Lieblingsautorin geschafft, den Mut nicht zu verlieren, als ihr ein Verlag nach dem anderen eine Absage erteilt hat? Wie hat sich die Sängerin, die vom Kind so bewundert wird, nach einer Krise wieder gefangen?

Viele erfolgreiche Menschen berichten sehr offen von schwierigen Zeiten oder davon, wie sie lernen mussten, mit Problemen umzugehen. Oft bringt eine kurze Recherche Erstaunliches zutage.

Falls sich nichts finden lässt, kann man sich die Kreativität von Kindern und Jugendlichen zunutze machen. Wir sind immer wieder überrascht, wie gut Kinder antworten können, wenn man sie etwas fragt, wie: „Was glaubst du, wie gelingt es Erling Haaland, sich nach einem verpatzten Schuss aufs Tor zu beruhigen und sich wieder auf das Spiel zu fokussieren? Und wie schafft er es, am nächsten Tag wieder zu trainieren, nachdem er ein wichtiges Spiel verloren hat? Was sagt er da wohl zu sich selbst?“

Mit Coping-Modellen zu neuen Sichtweisen

Du kannst aber auch als Elternteil als Coping-Modell dienen. Anstatt auf die Selbstzweifel deines Kindes mit Gegenargumenten zu reagieren, kannst du dich zuerst mit ihm verbinden. Vielleicht sagst du dazu etwas wie: „Ich bin eh zu blöd … diesen Satz kenne ich. Das sage ich mir manchmal auch…“ Wahrscheinlich wird dein Kind jetzt neugierig: „Du? “ antworten. Jetzt kannst du etwas mehr erzählen und beispielsweise von einer Episode erzählen, in der du an dir gezweifelt hast: „Ja, erst letzte Woche im Büro. Wir arbeiten jetzt mit einem neuen Computer-Programm und du weißt ja, dass ich mich immer etwas schwertue, wenn ich da was umlernen muss. Und als diese Kursleiterin so lange erklärt hat, konnte ich plötzlich nicht mehr zuhören. Ich habe nur noch gedacht: Warum checken die das alle? Die sind alle viel schneller als ich! Ich check das alles nicht!“. An diesem Punkt wird das Kind sicher wissen wollen, was dann passiert ist. Vielleicht hat man als Elternteil eine Kollegin gefragt und gemerkt, dass diese auch Probleme hatte und sich die Lösung dann gemeinsam erarbeitet? Du kannst an dieser Stelle dein Kind auch fragen, was du dir in diesem Moment hättest sagen können anstatt „ich checke das eh nicht! “ - oft fällt Kindern mehr ein, wenn sie sich Lösungsvorschläge für andere überlegen dürfen. Wichtig ist dabei, dass man als Elternteil nicht verzweifelt wirkt, sondern vermittelt: Es ist ganz normal, dass man immer mal wieder an sich selbst zweifelt, das geht mir auch so. Und ganz oft hat man dann Gedanken im Kopf, die eigentlich gar nicht stimmen. Wollen wir mal gemeinsam darüber nachdenken, was man in so einer Situation tun kann?

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In unserem Roman „Du schaffst das, Merle!“ zweifelt die junge, perfektionistische Ente Merle ständig an sich selbst. Als sie den Sprung an die renommierte Schule Academia schafft, plagen sie immer häufiger Ängste und Selbstzweifel. Die Gedanken fahren Achterbahn: „Was ist, wenn ich eine schlechte Note bekomme?“, „Ich schaffe das nicht!“, „Ich bin so dumm! Die anderen sind viel besser und klüger als ich!“

Zum Glück trifft sie auf zwei besondere Lehrkräfte, ihren Geigenlehrer Nadim und die Geschichts- und Deutschlehrerin Galina Gämse.

Nadim zeigt ihr, dass er ihre Sorgen und Zweifel kennt. Er selbst stand als Kind unter großem Druck und litt immer stärker unter Versagensängsten. Während Nadim erzählt, hört Merle zu und staunt: Ihr Vorbild hat ähnliches erlebt wie sie? Er kennt diese Gedanken und kann sich in sie einfühlen? Das hätte sie nicht erwartet! Und sie wird neugierig: Wie ist es Nadim gelungen, aus dieser Spirale hinauszufinden? Gemeinsam mit Merle können die Leser/innen dieses Geheimnis lüften. Dabei lernt Merle verschiedene Wege kennen, um neue, hilfreichere Gedanken zu entwickeln.

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